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.Auf Anraten des Verlags hatte er «in einer Spätphase» der Arbeit am Manuskript das Wort «Rasse» überall durch «Ethnie» ersetzt.Die Verheißung der HemmungslosigkeitDer Historiker Raphael Gross, Direktor des Leo-Baeck-Instituts, ist der These von der Selbstentmündigung entgegengetreten.Gross erklärt die Konjunktur des Tabubegriffs in der Integrationsdebatte ideologiekritisch, unter Berufung auf Sigmund Freud, der in seinem Buch «Totem und Tabu» herausgearbeitet hat, dass Tabubeschränkungen im Leben primitiver Völker etwas anderes sind als religiöse oder moralische Verbote.Tabuverbote entbehren jeder Begründung, ihre Herkunft ist unbekannt.Freud beschreibt, wie der fremde Beobachter angesichts der Tabus an eine hermeneutische Grenze stößt: «Für uns unverständlich, erscheinen sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft stehen.» Diesen Tabubegriff Freuds machte sich auch Sarrazin im Gespräch mit Broder zu eigen: «Ein Tabu ist ja etwas, das man rational nicht hinterfragt.Man zeigt sich nicht nackt in der Rudi-Dutschke-Straße.Obwohl, wenn es heiß ist, warum nicht? Aber es ist ein Tabu.Man tut es eben nicht.Und wenn Tabus verletzt werden, dann kann es auch zu irrationalen Reaktionen kommen.» Gross bestreitet, dass Sarrazin überhaupt ein Tabu übertreten hat.Denn es ist nicht so, dass die Deutschen nicht begründen können, warum es bei ihnen seit 1945 verpönt ist, Bevölkerungsgruppen nach der ererbten Intelligenz zu sortieren und eine Einwanderungspolitik gemäß den Erkenntnissen der Lehre von der künstlichen Zuchtwahl zu fordern.Im Gegenteil gibt es «sehr offensichtliche Gründe, warum man hier biologistische Metaphern und Argumentationen nicht benutzt»: Man kann «sich an die Folgen noch gut erinnern».Wer Sarrazin widersprechen will, sollte ihm daher, rät Gross, keine Tabuverletzung vorwerfen, sondern Falsches falsch nennen und Obszönes obszön.Dann kann man den Tabubegriff den Anhängern Sarrazins überlassen, die durch ihr obsessives Reden über das Unsagbare ihre Absicht offenbaren.«In dem Moment, da man über etwas als ein Tabu spricht, deutet man natürlich gleichzeitig auch schon an, dass man ein solches nicht akzeptieren möchte.Wer überall Tabus sieht, der wird geradezu magisch davon beseelt, diese nun endlich zu beseitigen.» Im «Bayernkurier» erschien zum Eklat um das «Lettre»-Interview ein Leitartikel mit dem Tenor, die Bürger müssten nur auf die Straße gehen, um sich davon zu überzeugen, dass Sarrazin die Wahrheit beziehungsweise die Fakten ausgesprochen habe.Der Sozialdemokrat rede «Klartext», und das «Wutgeheul der Gutmenschen» gebe ihm recht.Die Überschrift des Zentralorgans der CSU: «Befreiender Tabu-Bruch in Berlin».Es sind solche Töne, die Leser bedenklich stimmen können, die bürgerlich oder konservativ oder auch christlich zu denken meinen.Die Tabulosigkeit ist die Verheißung der Pornographie.Man glaubte sie in den Kleinanzeigen der Boulevardzeitungen gut aufgehoben.Haben sich Sarrazins Jubelchoristen einmal überlegt, wie es in einer Gesellschaft ohne moralische Hemmungen zuginge?Ein Aufklärer schreitet zur TatEinen Vorgeschmack verschaffte schon im ersten Akt der Sarrazin-Debatte die Folge von «Hart, aber fair», in der am 7.Oktober 2.009 auch Kristina Schröder auftrat.Frank Piasberg ließ nicht nur die Frage erörtern, ob die durch die Hitlervergangenheit begründeten Sonderpflichten der Deutschen, die sich in Diskussionen über die erblichen Intelligenzmängel von Minderheiten so störend dazwischen schieben, «zurecht oder zu Unrecht» erhalten geblieben sind.Er forderte auch Ayten Kilicarslan, die Vertreterin des Moschee-Dachverbands Ditib, auf, sie solle in der Sendung ihr Kopftuch ablegen oder ersatzweise dem Publikum erklären, warum sie das nicht tun wolle.Im «Gästebuch» würdigte ein anonymer Fernsehzuschauer Piasbergs Provokation als politische Tat: «Der Moderator hat recht: Weg mit dem Kopftuch, da fängt es doch schon an! Ein Deutscher würde da nicht mit Basecap oder Hut sitzen, weil das einfach unverschämt ist.» Waldi (35) aus Iserlohn stieß ins selbe Horn: «Es ist ein Zeichen für Unangepasstheit und Intoleranz, in einer deutschen Sendung mit Kopftuch zu erscheinen und von Integration zu sprechen.» Ein Sechzigjähriger gab bündig zu Protokoll: «Mich ärgert es ungemein, dass diese türkische Dame mit Kopftuch da sitzt.Wir sind Deutschland, und Deutschland ist kein islamisches Land.» Ein Dreiundfünfzigjähriger nannte es Realsatire, mit einer Kopftuchträgerin über das Kopftuch zu diskutieren, und fühlte sich durch den «grauen Armeemantel» der Ditib-Abgesandten an das Raumschiff Enterprise erinnert.Ein mit vollem Namen unterzeichnender Kommentator warf ihr vor, die Zuschauer mit dem Kopftuch absichtlich zu provozieren: «Sie will das so, da sie weiß, dass sie dadurch schon eine Ablehnung unserer deutschen Gesellschaft ausdrückt.» Mehrfach wurde der Repräsentantin des mit dem türkischen Staatsislam verbundenen Verbandes das Kopftuchverbot in der Türkei vorgehalten.Eine Fünfundvierzigjährige berichtete von einem Wochenende in Berlin.Weder in der Philharmonie noch in der Oper habe sie eine einzige Kopftuchträgerin gesehen.«Sie kennen weder unsere Literatur, noch unsere Musik.Das sage ich aus Erfahrung.»Volker (33) appellierte an die deutsche Selbstachtung und wollte aus dem deutschen Engagement für Menschenrechte in Afghanistan Schranken der Toleranz im Inland herleiten: «Deutsche Soldaten sterben, damit muslimische Frauen ihr Kopftuch nicht mehr tragen müssen - in Deutschland treten radikale Muslime im Fernsehen mit Kopftuch auf.» Der Standard des guten Benehmens, dem die Muslime sich anpassen sollten, hatte, soweit Volker sich erinnerte, in Deutschland schon immer gegolten: «Ich musste in der Schule seitenweise Strafarbeiten schreiben, weil ich keinen Anstand besaß und den Klassenraum im Winter mit Mütze betrat!!! Wir sollten wieder Anstand in der Schule fordern.» Otto (48) sprach Frau Kilicarslan direkt an: «Was wollen Sie hier, wenn Sie Ihr Kopftuch nicht abnehmen und sich nicht integrieren wollen?» Die Kopftuchdebatte hat eine Verrohung des öffentlichen Lebens in Gang gesetzt, die in den Moschee- und Sarrazin-Debatten weiter forciert wurde.In der Verteidigung des Anstands gegen die Verhüllte, die man nicht einmal mehr auf dem Fernsehschirm tolerieren will, vollendet sich die Perversion der guten Sitten.Das Mobbing der Andersgekleideten wird als Akt der Selbstverteidigung empfunden.Zwar haben die Politiker bei der Verabschiedung der Kopftuchgesetze versichert, die Freiheit von Privatpersonen werde durch sie nicht eingeschränkt.Aber wenn die «Gästebuch»-Autoren des Piasberg-Tribunals der Deutschtürkin, die mit Kopftuch über Integration redete, einen offenkundigen Selbstwiderspruch vorwarfen, nahmen sie genau das Argument auf, mit dem das Stuttgarter Oberschulamt den ursprünglichen Ablehnungsbescheid gegen Fereshta Ludin begründet hatte: Das Kopftuch sei «Ausdruck kultureller Abgrenzung».Die verharmloste VerachtungThilo Sarrazin sagte im «Lettre»-Interview: «Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert [ Pobierz całość w formacie PDF ]