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.Ich blieb stehen und fragte mich, was es damit wohl auf sich haben mochte, bis mir einfiel, daß vor drei Jahrzehnten sich vermutlich einige Soldaten der Roten Armee dort hingekauert und das Feuer aus einem Gebäude auf der anderen Straßenseite auf sich gezogen hatten… Ich drehte mich um und erkannte sogar, aus welchem Fenster…Ich fuhr mit der vom Westen betriebenen U-Bahn unter der Mauer hindurch, durchquerte West-Berlin von einer Seite zur anderen, vom Halleschen Tor bis Tegel.An der Station Friedrichstraße konnte man aus der Bahn aussteigen und Ost-Berlin betreten, doch die anderen Haltestellen unter dem Ostteil waren geschlossen; Wachposten mit Maschinengewehren standen da und beobachteten den Zug, der durch die verlassenen Bahnhöfe brauste; ein gespenstischer blauer Schimmer erhellte diese filmreife Kulisse, und durch das Vorbeirauschen des Zuges wurden uralte Zeitungen aufgewirbelt und die abgerissenen Ecken von alten Plakaten hochgeweht, die noch immer an den Wänden klebten.Ich mußte diese Fahrt zweimal machen, um mich zu vergewissern, daß ich mir das Ganze nicht einbildete; die anderen Passagiere hatten jedesmal so gelangweilt und scheintot ausgesehen, wie es die Fahrgäste aller U-Bahnen stets zu tun pflegen.Manchmal hatte die Stadt selbst etwas von dieser beängstigenden, geisterhaften Leere.Trotz seiner hermetischen Eingeschlossenheit war West-Berlin sehr groß und hatte jede Menge Grünanlagen und Bäume und Seen – mehr als die meisten Städte –, und diese Gegebenheiten in Verbindung mit der Tatsache, daß die Leute immer noch zu Zehntausenden jedes Jahr die Stadt verließen (trotz aller möglichen Zuschüsse und Steuervergünstigungen, die sie zum Bleiben anhalten sollten), bedeutete, daß bei derselben starken kapitalistischen Präsenz, die ich in London am eigenen Leibe erfahren und die ich in Paris gespürt hatte, die Bebauungsdichte wesentlich geringer war; es bestand einfach nicht derselbe Druck, Grund und Boden zu erschließen und noch mal zu erschließen.Deshalb war die Stadt also voll von zerschossenen Gebäuden und ausgedehnten freien Plätzen, zerbombten Grundstücken mit schroffen Ruinen, die sich gegen den Himmel abhoben, mit scheibenlosen Fenstern und ohne Dächer wie riesige verlassene Schiffe, die auf einem Meer aus Unkraut dahintrieben.Neben der Eleganz des Kurfürstendamms wurde dieses Vermächtnis der Zerstörung und Not zu einem weiteren ausgedehnten Kunstwerk, wie der wundersam verstreute Steinhaufen der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, der am Ende des Ku-Damms aufragte wie ein Narrenturm am Ende einer Reihe von Alleebäumen.Selbst die beiden Bahn-Systeme trugen zu der Anmutung von Unwirklichkeit bei, die von der Stadt ausging, diesem Empfinden, andauernd von einem Kontinuum in ein anderes überzuwechseln.Anstatt daß der Westen alle Einrichtungen auf seiner Seite und der Osten alle auf seiner betrieben hätte, war der Osten für die S-Bahn (überirdisch) auf beiden Seiten zuständig und der Westen für die U-Bahn (unterirdisch) auf beiden Seiten, unterhielt die U-Bahn jene gespenstischen Stationen unter dem Osten, hatte die S-Bahn ihre eigenen baufälligen, unkrautüberwucherten Haltestellen im Westen.Beide scherten sich nicht um die Mauer, absolut nicht, denn die S-Bahn fuhr oben drüber.Stellenweise verlief die S-Bahn unterirdisch.Und die U-Bahn tauchte häufig an die Oberfläche auf.Lassen Sie mich die Sache so weit treiben, daß ich behaupte, selbst die Doppeldecker-Busse und die Doppeldecker-Bahnen trugen zu dem Gefühl einer vielschichtigen Realität bei.An einem Ort wie Berlin war das Verpacken des Reichstags nach Art eines Pakets bei weitem kein so sonderbarer Gedanke, wie es die Stadt selbst war.Ich ging einmal über die Haltestelle Friedrichstraße und einmal durch den Checkpoint Charlie in den Osten.Sicher, es gab auch dort Orte, wo die Zeit stillzustehen schien, und viele der Bauwerke und Schilder sahen aus, als ob eine Patina aus Staub vor dreißig Jahren angefangen hätte, sich auf ihnen zu sammeln und seither ungestört dort ruhte.Es gab Geschäfte im Osten, in denen man nur mit ausländischen Währungen einkaufen konnte.Irgendwie sahen sie nicht wie richtige Geschäfte aus; es war, als ob ein schäbiger Unternehmer aus einer degenerierten halbsozialistischen Zukunft versucht hätte, ein Mittelding zwischen einem Messe- und Rummelplatz nach dem Modell eines kapitalistischen Ladens des späten zwanzigsten Jahrhunderts zu schaffen, was ihm aufgrund seines Mangels an Phantasie nicht gelungen war.Es war nicht überzeugend.Ich war nicht überzeugt.Ich war außerdem einigermaßen erschüttert.War diese Farce, dieser klägliche Abklatsch des Stils des Westen – und als solcher alles andere als gelungen – das Äußerste, was die Eingeborenen dieses Planeten durch den Sozialismus erreichen konnten? Vielleicht stimmte mit ihnen etwas so Grundsätzliches nicht, daß es sogar dem Schiff bis jetzt noch nicht aufgefallen war; vielleicht hatten sie irgendeinen genetischen Makel, durch den es ihnen für alle Zeiten versagt war, ohne eine Bedrohung von außen zu existieren und zu arbeiten; vielleicht konnten sie niemals aufhören zu kämpfen, niemals aufhören, ihren schrecklichen, furchterregenden, blutrünstigen Unsinn zu veranstalten.Vielleicht gab es trotz aller uns zur Verfügung stehenden Mittel nichts, das wir für sie tun konnten.Das Gefühl ging vorüber.Nichts diente als Beweis dafür, daß es sich hierbei nicht um eine vorübergehende und – in diesem frühen Stadium – verständliche Verirrung handelte.Ihre Geschichte war nicht allzuweit von der Mittelspur abgewichen, sie machten etwas durch, was tausend andere Zivilisationen ebenfalls durchgemacht hatten, und zweifellos hatte es während der Kindertage all dieser Zivilisationen Gelegenheiten gegeben, bei denen jeder anständige, ausgeglichene, vernünftige und um die Menschlichkeit besorgte Beobachter nur noch aus Verzweiflung hätte schreien mögen [ Pobierz całość w formacie PDF ]