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.Dort ist ein Schubfach, ganz unten, nicht gleich als solches zu erkennen, ein ideales Versteck, fast ideal.Sie zieht es vorsichtig heraus, macht kein Geräusch, und schiebt die Hände unter das, was drinnen liegt, hebt es heraus, trägt es zum Bett und legt es hin.Unter dem hauchdünnen Papier, worin es eingeschlagen ist, schimmert matt die grüne Seide, wie eine halb unter einer dünnen Schneeschicht verborgene Jadescheibe.Als sie das Papier zurückschlägt, läuft ihr ein Schauer den Rücken hinunter, wie jedes Mal bei diesem fürchterlichen Knistern, das sich anhört, als ob etwas sehr Kostbares, Zerbrechliches in Stücke geht.Sie faltet den Kimono auseinander und hebt ihn hoch an seinen weiten, quadratischen Ärmeln.Aus den Nähten steigt der schwache Duft hoch, den sie liebt, so weich und trocken, wie der Duft von Orangenblüten oder getrockneten Rosenblättern; sie mag die Vorstellung, es wäre eine Spur der großen Dame, für die er einst gemacht war, denn es ist ein antikes Stück, ihr Vater hat es ihr vor vielen Jahren mitgebracht.Sie zieht sich aus und bekleidet ihre Nacktheit mit dem schweren Gewand; das Seidenfutter fühlt sich kalt an auf der Haut; es ist immer kalt.Sie legt sich den breiten Gürtel aus mattschwarzer Seide um, verharrt kurz, neigt mit geschlossenen Augen den Kopf.Das Ritual beginnt.Mit winzigen, verhaltenen Schritten eilt sie zur Tür und vergewissert sich noch einmal, dass sie abgeschlossen hat.Auf ihrem Weg zurück zum Bett berührt sie in gestrenger Reihenfolge mit ihren Fingerspitzen diese drei Dinge: den ersten Streifen im Tapetenmuster rechts vom Lichtschalter, ein gerahmtes Foto ihres Vaters auf dem Kaminsims über dem nicht mehr benutzten Feuerrost, die Rückseite einer Haarbürste aus Schildpatt auf der Frisierkommode.Aus ihrer Hosentasche holt sie einen Ring aus einem schweren weißen Metall – vermutlich Platin? – mit einem flachen schwarzen Stein, in den ein Initial graviert ist.Sie streift ihn sich auf ihren Hochzeitsfinger, streckt den Arm aus und bewundert das Schmuckstück.Wo sehen sich die beiden, wo treffen sie sich? Ob sie ein Zimmer haben irgendwo, ein Liebesnest? Sie malt es sich aus, in einer miesen, holprigen Seitenstraße, eine schmutzige Stiege hinauf und einen langen, nach Katzen riechenden Korridor runter bis ganz zum Ende.Linoleumboden, das durchgelegene Bett in eine Ecke geschoben, zwei Stühle mit geraden Lehnen, ein fleckiger Tisch mit einer leeren Weinflasche und zwei Gläsern, worin die violetten Neigen vom Wein der letzten Woche am Boden angetrocknet und kristallisiert sind.Ein dürftiges Fensterchen mit einem gelben Vorhang, von dem aus man auf Hinterhöfe blickt und auf zerbeulte Mülltonnen.In einem Aschenbecher aus Blech schmurgeln zwei Zigaretten vor sich hin, eine davon mit Lippenstift verschmiert.Eine Toilettenspülung tropft, auf der Straße eine Stimme, die irgendetwas ruft.Und in der Ecke, im Schatten, seine bleichen Schenkel, die sich bewegen, ihre erstickten Schreie.Unterm Fenster sind Schritte zu hören, knirschende Schritte auf dem Kies.Sie versteckt sich hinter dem Vorhang und wagt einen raschen Blick hinab.Ihr Bruder und Roddy Wagstaff gehen auf den Kombi zu.Roddy hat sich sein Leinenjackett um die Schultern gehängt.Sein noch feuchtes, seitlich gescheiteltes Haar hat er straff über den hohen, schmalen Schädel gekämmt, und aus dieser Perspektive erkennt sie, dass sich seine Haare oben lichten – er wird bald eine Glatze haben, noch eh er vierzig ist.Er hat seinen Koffer bei sich.Das heißt also, er wird nicht bleiben.Warum hat er sich’s anders überlegt – ist irgendwas passiert? Vielleicht haben sie sie gesehen, er und Helen, als sie sich rückwärts durch die Brombeerhecken geschlagen hat, und jetzt haben sie Angst, dass sie erzählen könnte, was sie gesehen hat.Vermutlich hasst er sie jetzt, denn Roddy hasst jeden, den er Grund hat zu fürchten.Schämt er sich wenigstens, ist es ihm peinlich? Es ist ja wahr, er hat ihr nie irgendwelche Versprechungen gemacht.Ob er über sie redet, wenn er mit Helen zusammen ist – ob sie über sie lachen, wenn sie rauchend im Bett liegen, ob sie sie kindisch finden, dumm? Adam nimmt Roddys Koffer und legt ihn auf den Rücksitz des Salsol, sie steigen ein, sie fahren los.Hinter dem Fenster auf der Beifahrerseite beugt Roddy sich vor, um eine Zigarette anzuzünden; er schaut nicht noch mal zurück zum Haus.Sie könnte sein Geheimnis verraten, seins und Helens [ Pobierz całość w formacie PDF ]