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.Sie sagte, er sei achtundachtzig.»Mein Gott«, antwortete er.»Achtundachtzig.Wusste ich das?« Das sieht ihm absolut ähnlich – »wusste« klingt doch ganz anders als »weiß«.»Wenn ich ein Skribent wäre«, schrieb Montaigne – wobei unklar bleibt, ob er sich für etwas Besseres oder Schlechteres hielt –, »würde ich ein Kompendium der verschiedenen Todesarten des Menschen zusammenstellen.(Wer die Menschen sterben lehrt, der lehrt sie auch leben.) Dikaiarchos hat tatsächlich ein Buch mit diesem Titel geschrieben, aber zu einem anderen und weniger nützlichen Zweck.«Dikaiarchos war ein peripatetischer Philosoph, dessen Schrift über das Sterben der Menschen nicht erhalten ist, was bei dem Thema nicht weiter verwundert.Eine Kurzfassung von Montaignes skribentischer Anthologie wäre eine Sammlung berühmter letzter Worte.Hegel sagte auf dem Sterbebett: »Nur ein Mensch hat mich je verstanden«, um dann fortzufahren: »Und auch der hat mich nicht verstanden.« Emily Dickinson sagte: »Ich muss hinein.Die Nebel steigen.« Der Grammatiker Père Bouhours sagte: »Je vas, ou je vais mourir: l’un ou l’autre se dit.« (Etwa: »Ich sterbe bald oder ich werde bald sterben: beides ist korrekt.«) Ein letztes Wort kann manchmal auch eine letzte Geste sein: Mozart soll mimisch das Schlagen der Kesselpauken in seinem Requiem nachgeahmt haben, dessen unvollendete Partitur aufgeschlagen auf seiner Bettdecke lag.Beweist das, dass sich hier ein Mensch im Sterben treu geblieben ist? Oder sind uns diese Worte grundsätzlich verdächtig, weil sie sich wie eine Pressemitteilung, eine Agenturmeldung, eine geplante Improvisation anhören? Als ich sechzehn oder siebzehn Jahre alt war, erzählte uns ein Englischlehrer – nicht der, der sich später umbrachte, sondern einer, bei dem wir König Lear lasen und dabei lernten, dass Reifsein alles ist – mit einer gehörigen Portion Selbstgefälligkeit, er habe seine eigenen letzten Worte, vielmehr sein letztes Wort bereits ausformuliert.Er wollte schlicht und einfach sagen: »Verdammt!«Dieser Lehrer traute mir nie so recht über den Weg.»Barnes«, stellte er mich einmal nach einer unbefriedigend verlaufenen Stunde zur Rede, »Sie sind hoffentlich nicht so ein verfluchter Zyniker von der letzten Bank.« Ich, Sir? Ein Zyniker, Sir? Aber nein – ich glaube an süße kleine Lämmlein und Frühlingsblümchen und das Gute im Menschen, Sir.Doch selbst ich fand dieses geplante Abschiedswort an sich selbst ziemlich elegant, und Alex Brilliant auch.Wir waren a) beeindruckt von diesem geistreichen Einfall, b) überrascht, dass dieser alte, vertrottelte Schullehrer zu solcher Selbsterkenntnis fähig war, und c) entschlossen, unser eigenes Leben auf eine Weise zu gestalten, dass nicht so ein verbales Fazit dabei herauskam.Hoffentlich hatte Alex das vergessen, als er sich zehn Jahre später wegen einer Frau mit Tabletten das Leben nahm.Durch einen seltsamen gesellschaftlichen Zufall erfuhr ich etwa zur selben Zeit vom Ende dieses Schullehrers.Er hatte einen Schlaganfall gehabt, durch den er gelähmt und der Sprache beraubt war.Ab und zu bekam er Besuch von einem alkoholsüchtigen Freund, der – wie alle Alkoholiker überzeugt, jeder wäre gleich viel besser drauf, wenn er etwas intus hätte – eine Flasche Whisky in das Pflegeheim zu schmuggeln und den Inhalt dem alten Lehrer in den Mund zu gießen pflegte, während dieser ihn aus leeren Augen anstarrte.Blieb ihm vor seinem Schlaganfall noch Zeit für sein letztes Wort, oder konnte er sich noch daran erinnern, wenn er so dalag und Schnaps in den Mund geschüttet bekam? Bei solchen Überlegungen wird man leicht zu einem verfluchten Zyniker von der letzten Bank.Die moderne Medizin hat die Sterbephase verlängert und damit die berühmten letzten Worte mehr oder weniger abgeschafft; schließlich hängt alles davon ab, dass der Sprecher weiß, wann der Zeitpunkt für diese Worte gekommen ist [ Pobierz całość w formacie PDF ]