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.»Eine Theorie über Kinder? Was wissen Sie denn über Kinder? Sie haben doch selbst keine, oder?«»Man muß nicht unbedingt Mutter sein, um etwas von Kindern zu verstehen«, gab Lucy schnippischer zurück, als sie eigentlich beabsichtigte.»Ich war selbst ein Kind, und ich habe geholfen, viele andere Kinder aufzuziehen - nicht nur die Bande meines Bruders.«»Sie müssen nicht in diesem aggressiven Ton mit mir sprechen, Mädchen.Ich habe nicht Ihre Intelligenz in Frage gestellt.Wenn ich Sie nicht für außerordentlich klug hielte, hätte ich Ihnen sicher nicht diese Position angeboten.«Die alte Dame schürzte ihre Lippen und musterte Lucy eingehend.»Nachdem Sie so an Kindern interessiert sind und an den Gründen, warum sie dies oder jenes tun, kann ich Ihnen gleich etwas über Ihre Pflichten gegen-über Valerie erzählen.Sie ist so nachgiebig, daß sie leicht von einem der jungen Männer, die sich heutzutage Gentleman nennen, vom rechten Weg abgebracht werden könnte.Und leider werden sie alle hinter ihr her sein.Sie ist das hübscheste Mädchen, das Sie je gesehen haben.Blond, zerbrechlich und mit einem Vermögen, das zwar nicht riesig, aber immerhin beträchtlich ist.Ihre wichtigste Aufgabe wird es sein, unpassende Bewerber von ihr fernzuhalten.«Sie hielt einen Augenblick inne und krampfte die knochigen Hände um den Knauf ihres Stockes.»Und der unpassendste von allen ist mein eigener Enkel.«Das gab Lucy zu denken.Ein lediger Graf sollte kein geeigneter Heiratskandidat sein? Ihre lebhafte Fantasie setzte sich in Bewegung.Lady Westcott hatte ihn bereits einmal als ihren widerspenstigen Erben bezeichnet.War er etwa einer dieser jungen Männer, die sich in unpas-sendem Benehmen gefielen? Sie erinnerte sich solcher Männer, die sie während ihrer eigenen Saison kennengelernt hatte - die Verschwender; die Vergnügungssüchtigen; Männer, die sich allen Lastern ergaben und sich in den niedrigsten Lustbarkeiten ergingen.Kluge Mütter hielten ihre Töchter von dieser Sorte Männer fern, mochten sie aus noch so guten Familien stammen.Doch ein Graf? Und noch dazu ein Graf mit einem solch immensen Vermögen?Sorgfältig wägte sie ihre Worte ab.»Was genau ist es denn, das Ihren Enkel für eine junge Dame wie Lady Valerie so unpassend macht?«Lady Antonia schaute frostig drein.»Er ist völlig unaufrichtig in seinen Absichten.In den letzten Monaten hat er das Herz so mancher Frau gewonnen, nur um sie dann zurückzustoßen.«Das machte ihn doch nicht unpassend, dachte Lucy.Schwierig vielleicht, aber nicht völlig unpassend.»Vielleicht fürchtet er, daß die Frauen sich mehr für seine Titel oder sein Vermögen interessieren als für ihn selbst.Ich habe ein wenig über ihn gehört«, gab sie zu.Wer wußte nichts von den Gerüchten über diesen unehelichen Zigeuner-Grafen? »Vielleicht ist das seine Art, die Gesellschaft für die Verachtung zu strafen, mit der sie ihn so lange behandelt hat und mit der sie ihn noch immer behandeln würde, wenn er nicht inzwischen im Besitz von Titel und Vermögen wäre.«»Sparen Sie sich doch Ihre Kindheitstheorien für eine geneigtere Zuhörerschaft, Miss Drysdale.Ivan ist kein Kind mehr.Nichts an seiner Vergangenheit läßt sich rückgängig machen.Außerdem wurde er seit seinem siebten Lebensjahr zum Grafen erzogen.Seine Ausbil-dung war weit besser, als er aufgrund seiner niederen Geburt erwarten konnte.Wenn er jemanden strafen will, wie Sie es ausdrücken, so sind weder ich noch die De-bütantinnen dieser Saison die geeigneten Objekte für seine Rachsucht.« Sie holte tief Luft und fuhr etwas ruhiger fort: »Jedenfalls hat er sich vorgenommen, schwierig zu sein.Ich bin sicher, daß er die arme Valerie nicht in Ruhe lassen wird, und Ihre Aufgabe wird es sein, sie vor ihm zu schützen.«»Und noch etwas«, fügte sie hinzu, »er besitzt eine gewisse Ausstrahlung.Sie mögen glauben, daß er wegen seiner Titel und seines Reichtums eine so große Anziehungskraft auf junge Mädchen besitzt.Doch er würde auf junge, empfindsame Damen ebenso wirken, wenn er nur ein gewöhnlicher Roßtäuscher wäre.«Scharf blickte sie Lucy an.»Sie sind kein junges, dummes Gänschen mehr, sonst hätte ich Sie nicht als Anstandsdame eingestellt.Ich verlasse mich darauf, daß Sie nicht auf die Verführungskünste von modischen jungen Herren hereinfallen.«»Wenn das der Fall wäre, so wäre ich längst verheiratet«, erwiderte Lucy.»Ich versichere Ihnen, Lady Antonia, daß der Charme Ihres Enkels an mich verschwendet sein wird.Ich werde meinen Pflichten gegenüber Lady Valerie mit der größten Sorgfalt nachkommen.Wenn es etwas gibt, das ich nicht ausstehen kann, so sind das unaufrichtige, wichtigtuerische Möchtegern-Draufgänger.«Lady Westcott nickte zustimmend.»Das höre ich gern, sehr gern.Nun, vor uns liegt noch eine lange, ermüdende Reise.Ich werde versuchen, ein wenig zu schlafen.«Damit schloß Antonia die Augen und lehnte sich in die Polster der Kutsche zurück.Unter ihren gesenkten Wimpern hervor beobachtete sie jedoch scharf Miss Drysdale.Sie hatte die Falle aufgestellt und den Köder hineinge-legt.Nun mußte sich jemand darin fangen.Ob Ivan nun Valerie oder Miss Drysdale den Hof machen würde, war ihr gleichgültig.Wichtig war, daß der Junge heiratete, und zwar bald.Doch sie gestand sich ein, daß die mittellose junge Frau, die ihr gegenüber saß, ihr als Ehefrau für ihren Enkel im Grunde besser zusagte als ihr unreifes Patenkind.Ivan hatte sie in den vergangenen zehn Jahren fast zum Wahnsinn getrieben: Erst war er ohne ein Wort verschwunden und hatte sich nicht einmal gemeldet, als er die Nachricht erhalten hatte, daß sein Vater ihn anerkannt und zu seinem Erben gemacht hatte.Auch zum Begräbnis seines Vaters im vergangenen Herbst war er nicht erschienen.Dann hatte er sich bis zum letzten Augenblick mit der Mitteilung Zeit gelassen, daß er zur Titelannahme im Januar kommen würde.Es wäre einfach nicht recht, wenn er nun ein so sanftes Mädchen wie Valerie zur Frau bekommen würde.Er verdiente eine Ehefrau, die ihm mit gleicher Münze heimzahlte.Antonia war sicher, daß Lucy Drysdale dafür genau die Richtige war.»Laß ihn sich für sie entscheiden«, betete sie im stillen.Allerdings war ihr Gebet eher ein Befehl als eine demüti-ge Bitte.»Laß ihn sich für Miss Drysdale entscheiden und mach, daß sie ihn danach ordentlich zappeln läßt.Doch schließlich laß die beiden sich kriegen.«- Und nicht zu vergessen das Urenkelkind, das sie prompt neun Monate danach sehen wollte, wenn nicht früher.Niemand hatte sie vorgewarnt, daß er einen Ohrring trug!Das war der erste Gedanke, der Lucy durch den Kopf schoß.Sie waren sehr spät vor dem repräsentativen Haus am Berkeley Square angekommen.Der Butler war ihr ein wenig überrascht, ja besorgt vorgekommen, als er sich im Foyer vor ihnen verbeugte.Lucy hatte das jedoch dem Umstand zugeschrieben, daß Lady Westcott ihn nicht über ihr plötzliches Erscheinen informiert hatte.Als sie Lady Westcott zu ihren Räumen gefolgt war, hatte sie den leichten Tabakduft bemerkt, ebenso das Licht, das aus einigen Räumen drang, und hatte daraus geschlossen, daß jemand zu Hause war [ Pobierz całość w formacie PDF ]