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.«»Nein, nein«, versicherte Inka und dachte an Evelyns Worte, niemals die Wahnwelt in Zweifel zu ziehen, um den Kranken nicht noch mehr zu destabilisieren.Jetzt verstand sie auch den Grund für das Codewort, das die Stationsschwester ihr mit einem Augenzwinkern mitgeteilt hatte und Brunner von ihr hören wollte, nachdem sie angeklopft hatte.Margitta.In der Zwischenzeit hatte sie sich auch daran erinnert, wem sie den Namen zuordnen konnte.»Margitta war Ihre Frau, nicht wahr?«, fragte sie, um ein anderes Thema anzuschneiden.Und tatsächlich löste sich die Angst in Brunners Augen, und seine Gesichtszüge entspannten sich.»Ja.Genaugenommen meine Verlobte.Wir haben die Achtundsechziger gelebt und hielten die Ehe für spießig.Erst als sie mit unserem dritten Kind schwanger war, habe ich ihr einen Heiratsantrag gemacht.Sie war die einzige Liebe meines Lebens und die Frau, der ich voll und ganz vertraut habe.Seither habe ich keine andere Frau mehr gehabt.Zur Hochzeit kam es nicht mehr.Ihr Tod kam damals viel zu plötzlich.Ich glaube, diesen Schock habe ich bis heute nicht überwunden.«Brunner klang plötzlich sehr vernünftig.Lag es daran, dass er über die Vergangenheit sprach, in der seine jetzige Wahnwelt noch nicht existierte? Jedenfalls war Inka froh, dass sich die Situation wieder entspannte.Dennoch ließ sie vom Kleiderschrank ab und setzte sich unverrichteter Dinge wieder auf den Besucherstuhl zu ihm an den Tisch.Vielleicht würde sie später noch einen Versuch starten – andernfalls musste die Wäsche eben bis Dienstag warten.Viel wichtiger war ihr eigenes Anliegen, mit dem sie gekommen war.Angelegentlich betrachtete sie die kleinen gelben Zettel, mit denen die Zimmerwände übersät waren und überlegte, ob Brunner sich wohl gerade in einer günstigen Verfassung befand, ihn auf die Warnung anzusprechen, die er ihr beim letzten Besuch heimlich zugesteckt hatte.»Du nimmst meine Worte ernst, sonst wärst du heute nicht zu mir gekommen«, begann er unvermutet von selbst das Gespräch.»Das ist gut so.Es ist nicht leicht, zu anderen Menschen durchzudringen, wenn man für verrückt gehalten wird.«Wie recht er doch hatte, dachte sie plötzlich.»Durch meine Töchter weiß ich mehr über dich, als du denkst, Inka.Seit du dein Baby verloren hast, bist du nicht mehr du selbst.Und glaub mir, ich kann deinen Schmerz sehr gut nachvollziehen.Du erinnerst dich, meine Frau, oder besser gesagt meine Verlobte, ist an einer zu spät erkannten Schwangerschaftsvergiftung gestorben und mit ihr unser ungeborenes drittes Kind.Das war 1981.Es wäre ein Junge geworden …«Je weiter Brunner gedanklich in die Vergangenheit zurückging, desto weniger merkte Inka noch von seiner Krankheit.Seine Stimme klang nicht mehr ganz so schleppend, und seine Aussagen waren sortierter.Im Grunde wirkte er ganz gesund, aber das war natürlich eine Täuschung, wie Evelyn ihr schon erklärt hatte.Mit vielen Schizophreniekranken konnte man sich entgegen der landläufigen Meinung völlig normal unterhalten, nicht selten würde man die Krankheit im ersten Moment gar nicht bemerken; bizarr wurde es erst, sobald die Schizophrenen ihr Gegenüber an ihrer Wahnwelt teilhaben ließen.»Und von da an war ich plötzlich mit meinen beiden Mädchen allein«, erzählte Brunner weiter.»Aber weißt du, nach der ersten, alles überwältigenden Trauer habe ich aus meinem Schmerz heraus eine ungeheure Lebenskraft entwickelt.Ich habe mich mit der menschlichen Seele beschäftigt und vormittags, wenn die Mädchen in der Schule waren, Psychologievorlesungen an der Uni gehört und nachts an meiner Doktorarbeit geschrieben.Trotz allem habe ich meinen Abschluss in Rekordzeit und mit Summa cum laude geschafft.Nach ein paar Jahren als Arzt in verschiedenen Psychiatrischen Kliniken im Großraum Stuttgart habe ich mich alternativen Behandlungsformen zugewandt und die klinische Hypnose als Therapiefeld für mich entdeckt.Gelernt habe ich beim Meister dieses Fachs: Milton Erickson.Damals waren wir noch Exoten, aber in den vergangenen zehn Jahren habe ich meine Privatklinik zum Erfolg geführt.Und jetzt hat sie sich mein sauberer Herr Schwiegersohn unter den Nagel gerissen.Und vor ihm muss ich dich warnen.«Der letzte Satz saß.Wie ein Pfeil traf er sie.Er warnte sie vor Brinkhus!»Weißt du, Inka, für Annabel und Evelyn bin ich ein verrückter alter Mann.Aber ich dachte, wenigstens du würdest mich ernst nehmen.Du erinnerst mich sehr an meine Frau.Sie hatte ein ähnlich burschikoses Auftreten wie du, war schlank, hatte kurze blonde Haare und einen intelligenten Dickkopf.Sie ließ sich nicht täuschen und war selbst eine durch und durch ehrliche Haut.Was man von dir nicht behaupten kann.«»Aber ich bin doch ehrlich, Herr Brunner.«»Nein, du lügst mich an, wie meine Tochter.« Er stand auf und schlurfte zu seinem Nachtkästchen, wo er mit einem Ruck die Schublade aufzog.Er kam mit der Stuttgart aktuell zurück und knallte ihr die Zeitung auf den Tisch.»Glaubt ihr denn wirklich, ich würde hier drin nichts mitbekommen? Von wegen Geburtstagsfeier, das ist ja lächerlich!«Inka fühlte sich wie ein Kind ertappt und überflog den Artikel mit der Überschrift Mord im Herzen Stuttgarts.»Ich wusste nicht … ich dachte … wir wollten …«, stammelte sie.Brunner ging weder auf den Mord am Freund seiner jüngeren Tochter noch auf ihren Entschuldigungsversuch weiter ein.Er setzte sich wieder an den Tisch.»Mit Hypnose kann man auch Missbrauch betreiben.Wenn dir dein Leben lieb ist, solltest du dich von meinem Schwiegersohn fernhalten.Er ist ein sehr ehrgeiziger Mensch.«Inka musste schlucken, ihre Kehle war trocken geworden [ Pobierz całość w formacie PDF ]