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.Doch sie konnte es nicht mehr ungeschehen machen: Richard lag auf dem Grunde des Rheins, und falls er je wieder zum Vorschein kam, dann nicht in einem Zustand, in dem man Geld benötigte.Wer jetzt dringend Bares brauchte, war Vivi.Sie hing an dem kleinen Reihenhaus.Hier war sie aufgewachsen, hier gehörte sie hin.Es war das Einzige, was sie mit ihren früh verstorbenen Eltern verband.Wenn man sie von hier vertrieb, verlor sie den Boden unter den Füßen.Oder würden sich Inge-Gundula und Hans-Peter darauf einlassen, ihr das Haus zu verkaufen und sich auszahlen zu lassen? Fragte sich nur, wovon.Völlig aufgelöst rief sie den Notar an.»Berthold, haben Sie es schon erfahren?«Sie waren beim letzten Treffen zum noblen »Hamburger Du« übergegangen, das Vivi von Richard gelernt hatte.Vorname und Sie, das klang nach Nähe, ohne dass man jemanden zu nah an sich ranlassen musste.Sehr hanseatisch eben.Dabei war Richard beziehungsweise André Kowalski ein Kölner Jung gewesen.Sie begann zu schniefen.Wie sehr sie ihn vermisste.Berthold Seitz dagegen wollte mehr Nähe, als Vivi lieb war.Mittlerweile rief er fast täglich an, und eine Woche zuvor hatte er sogar abends überraschend vor ihrer Haustür gestanden, mit Kuchen und Wein, wie Rotkäppchen.Zwei Stunden hatte er auf der Couch gesessen und Vivi mit juristischen Spitzfindigkeiten angeödet, die er offenbar so unwiderstehlich fand wie sich selbst.»Wie schön, dass Sie sich melden, Sylvia!«, rief Berthold Seitz erfreut.»Darf man erfahren, was der Grund Ihres Anrufs ist?«»Diese schrecklichen Kinder«, rief sie aufschluchzend.»Ich bin enterbt!«Eine Weile war es still am anderen Ende der Leitung.Vivi zählte die Sekunden.Was machte Berthold nur? Polierte er seine Messinglampen?»Werte Sylvia«, sagte er schließlich hoheitsvoll.»Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.Wir werden Widerspruch einlegen, dadurch gewinnen wir Zeit.«Das »Wir« machte sie noch nervöser.Hatte Berthold Seitz es wirklich auf sie abgesehen? Na, herzlichen Glückwunsch.In diesem Fall geriet er an eine Frau, der innerhalb von vierundzwanzig Stunden zweimal ihr gesamtes Vermögen abgeknöpft worden war.Oder an eine gute Partie, die zwei Männer auf dem Gewissen hatte.Viel Spaß dann auch.»Aha, wir gewinnen also Zeit.Gewinnen wir auch den Prozess?«, fragte sie bang.»Justitia stellt man seit der Antike mit verbundenen Augen dar«, wurde sie von dem überaus gebildeten Anwalt belehrt.»Eine Garantie gibt es nicht.Aber in der Zwischenzeit, liebste Sylvia, könnten Sie sich vorsichtshalber nach einer neuen Einnahmequelle umsehen.« Er hielt kurz inne.»Oder nach einem neuen Mann.Apropos – ich würde Sie nach wie vor gern zum Essen einladen.Ganz privat, nur wir beide.«Du alter Schlaumeier, dachte Vivi.Stürzt mich ins Elend, damit du mich retten kannst.Dolle Taktik.Ihre Liaison mit Richard schien sich jedenfalls noch nicht bis zu ihm herumgesprochen zu haben.»Wie soll ich Ihnen nur danken, Berthold?«, rief sie.»Ich werde Ihren Tipp beherzigen! Und danke für die Einladung, das kriegen wir sicher bald hin!«Männer, dachte sie.Die überflüssigste Spezies unter der Sonne.Werner hatte sie behandelt wie einen Fußabtreter und ihr das Erbe vorenthalten.Richard hatte sie schamlos hinters Licht geführt.Jetzt kam zu allem Überfluss auch noch dieser arrogante Notar angerobbt und streckte seine Altherrenfinger nach ihr aus.Sie hasste Männer.Alle.Aus vollem Herzen.Den restlichen Tag probierte Vivi ihre sämtlichen Beruhigungstricks aus.Heiß baden, Gesichtsmaske auflegen.Wackelpudding essen, Prosecco trinken.Und natürlich CDs spielen und lauthals mitsingen.Trost versprach zum Beispiel Udo Jürgens.»Und immer, immer wieder geht die Sonne auf«, krächzte Vivi, es klang leider wenig überzeugend.Sie taute eine Hühnerleber für Tiger auf und sah zu, wie er sich daran gütlich tat.Sie dachte an das Kind von Richard, das nun ungeboren bleiben würde.Was war mit dem Kinderzimmer? Mit der Schaukel im Garten?Kurz entschlossen fuhr Vivi zum Baumarkt und erstand eine feuerrote Plastikschaukel.Sie verknotete die dazugehörigen Seile am dicksten Zweig des Apfelbäumchens, das direkt vor dem Küchenfenster im Vorgarten stand.Ihr war schon lange aufgefallen, dass die Kinder in dieser Siedlung keinen anständigen Spielplatz hatten.Bereits nach einer Stunde standen die Kleinen Schlange, um quietschend und kreischend zu schaukeln.Mit einem zufriedenen Lächeln sah Vivi zu, welchen Spaß die Kinder hatten.Sie brachte sogar ein paar selbstgebackene Kekse nach draußen, die in null Komma nix verspeist wurden.Doch es half nichts: Die Panik blieb.Ihr Puls raste, ihr Gehirn zappelte im Angstmodus.Sie konnte nicht mehr.Abends war sie so demoralisiert, dass sie schon erwog, sich selbst eine Dosis Rattengift zu verpassen.Vor dem Nichts zu stehen war furchtbar.Dann lieber gleich ins Nirwana abdampfen.Aber vorher würde sie sich noch einmal mit Ela treffen.Sie hielt das Handy umklammert, als sei es das Letzte, woran sie sich festhalten konnte.Viel mehr hatte sie in der Tat nicht.Dann wählte sie Elas Nummer.»SOS.Hast du eine Sekunde Zeit?«»Moment, ich geh mal eben raus«, wisperte ihre Freundin.Vivi hörte Schritte und das Zufallen einer Tür.»Ein total blödes Meeting«, stöhnte Ela.»Wo brennt die Hütte?«In kurzen Zügen berichtete Vivi von dem Erbstreit.Von ihrer Enterbung, genauer gesagt.Alles andere ließ sie lieber weg.»Ach du grüne Neune!«, rief Ela aus [ Pobierz całość w formacie PDF ]