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.Es lag ihr ohnehin nicht, aus der Reihe zu tanzen.Aus ihr wurde nie eine leidenschaftliche Tänzerin, dafür war ihr Kontrollbedürfnis zu ausgeprägt.Aber sie brachte es zu einer guten Tanzpädagogin.Disziplin war ein Teil ihrer Überlebensstrategie.Nur mit einem klar strukturierten Alltag, mit festen Regeln und Gewohnheiten gelang es ihr, das schlechte Gedächtnis zu kompensieren.Aber überall dort im Leben, wo etwas anderes gefragt war – verspielt sein, genießen, vertrauen –, da kam sie zu kurz.Seit dreißig Jahren lebt sie allein, ohne Partner.Auch dies sei kein Grund zu klagen, sagt sie.Zu ihren beiden Söhnen habe sie einen ausgesprochen guten Kontakt, nur seien sie leider etwas »bindungsscheu«, weshalb von Enkeln noch keine Rede sein könne.»Meine Söhne sind zu mir lieb und freundlich, sehr hilfsbereit, und ich werde in letzter Zeit viel gelobt«, beschreibt sie das Verhältnis.»Nur von meinem ganz persönlichen Erleben des Krieges wollen sie nichts hören, von Erlittenem, was bis in mein gegenwärtiges Leben – und damit auch in ihres – hineinreicht.Da schließt mein Ältester die Augen, als würde er gleich einschlafen.« Die Mutter nimmt ihnen das nicht übel.»Meine Söhne wollen eben etwas anderes von mir.« Sie kann ihnen keine größere Freude machen, als – angefangen beim Handy – neue elektronische Geräte in Gebrauch zu nehmen.»Sie würden mich am liebsten von morgens bis abends anleiten.«Lernen, sich neues Wissen aneignen macht ihr Freude, genau genommen zählt es zu ihren Lieblingsaktivitäten.Sie vertraut auf die Erkenntnisse der Hirnforschung, wonach das menschliche Gehirn bis ins hohe Alter veränderungsfähig und damit aufnahmebereit bleibt.Früher habe sie nur unter Zwang und Druck lernen können, sagt sie, das sei heute völlig anders; in dieser Hinsicht sei sie regelrecht befreit: »Ich habe mich unendlich gequält in meinem Leben, aber jetzt geht es mir so gut wie nie – viel, viel besser als in meiner Kindheit und als junger Mensch.«Heute ist ihr klar, dass sie von Anfang an depressiv war, und zwar mindestens bis in ihre Dreißigerjahre hinein.Therapieerfahrung ist reichlich vorhanden.Aber um Kriegstraumata ging es in den Behandlungen nie.Ihre heutigen psychosomatischen Beschwerden findet sie vergleichsweise erträglich – auch dass sie, wenn sie an wunde Punkte stößt, die ihr schon in der Kindheit zu schaffen machten, von der Sehnsucht überflutet wird, sich eine Woche wegzuschließen und nur zu heulen.Aber dem gibt sie nicht nach.Dagegen stemmt sie sich mit »eiserner Disziplin«.Warum, möchte ich wissen, warum macht sie keine gezielte Traumatherapie? Bevor sie antwortet, schüttelt sie langsam den Kopf.»Darüber habe ich auch schon eine ganze Weile nachgedacht.Aber letztlich sage ich mir: Jetzt kommt es auch nicht mehr drauf an.Die paar Jahre kriege ich noch hin.Und ich führe ja heute ein vergleichsweise friedliches Leben.«Außerdem stecken in ihr noch immer die alten Gedanken: Nimm dich nicht so wichtig.Das steht dir nicht zu.Was würden die Verwandten und Bekannten sagen.ZWEITES KAPITELWas Kinder gebraucht hätten.Ein behutsamer alter MannWas brauchen Kinder, um sich von schweren seelischen Verletzungen zu erholen? Die Antwort ist nicht schwer zu finden.Sie brauchen vor allem einfühlsame und geduldige Erwachsene.Aber wo gab es sie in Kriegszeiten und in den Elendsjahren danach? Wer hatte noch die Aufmerksamkeit, die Nerven und vor allem die Zeit, um ein verstörtes Kind in den Schlaf zu streicheln? Wer nahm ihm die Angst vor bösen Träumen? Wer verstand die Wut von kleinen Mädchen und Jungen, weil ihre Welt entzweigegangen war, und reagierte mit Liebe statt mit Schlägen? Wer vermochte es, mit einem verstummten Kind zu schweigen und ihm dabei ganz nah zu sein? Wer verzichtete auf jede Eile, damit eine kleine Hand sich in einer großen Hand geborgen fühlen konnte? Wer redete mit ruhiger Stimme, und wer war ein guter Zuhörer.?Das hohle Fenster in der vereinsamten Mauer gähnte blaurot voll früher Abendsonne.Staubgewölke flimmerten zwischen den steilgereckten Schornsteinresten.Die Schuttwüste döste.Er hatte die Augen zu.Mit einmal wurde es noch dunkler.Er merkte, daß jemand gekommen war, und nun vor ihm stand, dunkel leise.Er riskierte ein kleines Geblinzel an den Hosenbeinen hoch und erkannte einen älteren Mann.Du schläfst hier wohl, was? fragte der Mann.So beginnt die bekannte Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert »Nachts schlafen die Ratten doch«.Sie gehört zu den Raritäten in der deutschen Kriegsliteratur, weil sie nicht einen Soldaten in den Mittelpunkt stellt, sondern einen neunjährigen Jungen, der tagelang allein auf einem Trümmergrundstück Wache hält, und einen fremden Mann, der das Kind ganz behutsam ins Leben zurückführt.Wenn du mich nicht verrätst, sagte Jürgen da schnell, es ist wegen der Ratten.Die krummen Beine kamen einen Schritt zurück: Wegen der Ratten?Ja, die essen doch von den Toten.Von Menschen.Da leben sie doch von.Wer sagt das?Unser Lehrer.Und du paßt nun auf die Ratten auf? fragte der Mann [ Pobierz całość w formacie PDF ]