[ Pobierz całość w formacie PDF ]
.Meine Mutter hat es mir am Telefon erzählt.Da war ich schon nicht mehr in Tel Aviv.Eine Woche nachdem ich zum ersten Mal das Land verlassen habe, um die erste von vielen Reisen um die Welt anzutreten, habe ich es herausgefunden.Und das passierte an dem Morgen, an dem ich wegging: Ich nahm den Rucksack, den großen, den ich bei der Armee benutzt hatte.Ich hatte ihn schon am Nachmittag gepackt, noch bevor ich zu Lea gegangen war, und zwar mit allen Sachen, die mir noch passten, Sachen, die ich über zwei Jahre lang nicht angehabt hatte.Außer Klamotten nahm ich nur noch die Regeln mit, »Aushang der Raumschiffregeln«, eine Erinnerung an die Schulzeit, die ich aufgehoben hatte, nachdem der Hausmeister sie damals abgerissen hatte.Ich stand dort, wo man gut trampen konnte, hielt den Daumen raus und wartete.Ich stand in der prallen Sonne auf dem Asphalt, der sich vor mir erstreckte, mit dem Rücken zum Dorfrand, neben mir nichts außer verbrannten Bananenfeldern.Ein grüner Fiat nahm mich mit in Richtung Süden, weg von der Grenze nach Naharija, dem nördlichsten Bahnhof des Landes.Zusammen mit vier Soldaten und einer Mutter stand ich wartend am Bahnhof.Dann stieg ich ein; im Zug schlief ich.Im Zug nach Tel Aviv wusste ich noch nichts von dem Hasen.Ich dachte nicht an den Baum und träumte auch nicht von ihm.Ich schlief einfach nur.Kurz vor der Ankunft wachte ich auf.Am Bahnhof wimmelte es von Menschen, überall diese vielen Menschen.Eine Frau stieß gegen meinen Rucksack und ich wurde nach vorn geschoben.Als ich aufschaute, sah ich einen Mann.Er machte Werbung für einen Handyanbieter.Das erkannte ich daran, dass auf seinem Hemd »Menschen verbinden« stand.Er lächelte mich an und mit einer orangenen Broschüre in der Hand machte er einen Schritt auf mich zu.Ich stand wie angewurzelt da.Die Rucksackträger schnitten mir in die Haut.»Entschuldigen Sie«, sagte der Mann.»Darf ich fragen, wie Sie heißen?«»Nein, danke«, sagte ich.»Nein, vielen Dank.«Und dann hat das Volk der Ewigkeit keine Angst mehrDa Avishag in den Zubari-Clan hineingeboren wurde, den größten irakischen Clan in ganz Israel, gehörte selbst Avishags Hysterie nicht ihr allein.Sie gehörte den vielen Frauen, die in ihrer Zeit lebten, und Generationen von Zubari-Frauen, die vor ihr in Bagdad gelebt hatten.Anfangs bezeichnete sie ihre Hysterie als Traurigkeit, sie hegte und pflegte sie, als wäre sie ihr Kind.Irgendwann im Februar wachte sie morgens auf und hatte vergessen, wie sich Wünsche anfühlten.Sie war einundzwanzig, seit acht Monaten nicht mehr bei der Armee und hätte runtergehen sollen, um sich den Morgentee zu schnappen und das Olivensandwich, das ihre Mutter ihr fürs Büro zubereitet hatte, aber sie konnte nicht, sie sah einfach keinen Sinn darin.Stattdessen blieb sie so lange im Bett, bis der Hunger in ihrem Magen als Säurepfütze zusammenlief und sie nach unten rennen musste, wo sie sich gefrorene Pizza reinstopfte und die Lippen zum Trinken an den Wasserhahn presste.Als sie die Treppe runtergerannt war, hatte sie sich etwas gewünscht, zumindest diesen Augenblick lang, aber nachdem sie gegessen hatte, legte sie sich wieder ins Bett, weil sie keinen weiteren Wunsch mehr hatte.Als Avishag die ersten Albträume hatte, sagte ihre Großmutter zu Avishags Mutter Mira, »sie ist hysterisch«, und auch, »wir wollen nicht, dass ihr das Gleiche zustößt wie ihrem Bruder Dan«.Avishag und ihre Mutter lebten damals in Jerusalem.Die Wohnung, in der Avishag den Willen verlor, sich zu rühren, gehörte ihrer Großmutter.Ihre Mutter war dorthin gezogen, bevor Avishag zur Armee eingezogen worden war.In amerikanischen Fernsehserien bedeutete »hysterisch«, dass jemand herumschrie, weinte, rot anlief, Porzellan zerschmiss und grausam lachte.Wenn eine Zubari-Frau aber hysterisch wurde, war sie stumm und reglos, Porzellan, das man selbst zerschmeißen wollte.Hysterie war nichts für die Ewigkeit; sie kam und ging.Aber man musste sie verbergen – vor den künftigen Zubari-Ehemännern und vor dem restlichen Israel, das nicht Zubari und nicht weiblich war.Als Avis Exfrau Mira ihm erzählte, Avishag hätte seit Monaten das Bett nicht mehr verlassen, und ihm erlaubte, seine Tochter wiederzusehen, wusste Avi nicht, was er tun sollte, aber er wusste, dass er diesmal etwas tun musste.Er hatte schon einen Sohn verloren, den er kaum gekannt hatte.Dann erinnerte er sich, wie er nach dem Ende seiner Armeezeit stunden- und nächtelang mit dem Auto um die Mauern Jerusalems gefahren war, weil es das Einzige war, was die Dämonen in seinem Kopf verjagt hatte.Also kaufte er seiner Tochter, die gar keinen Führerschein besaß, einen Gebrauchtwagen.Das Auto eines Menschen, der jetzt verzweifelt war.Sechs Millionen Juden waren im Holocaust ermordet worden, und das Auto, das Avi seiner Tochter Avishag kaufte, war für zweitausend Schekel unter dem Marktpreis über den Tisch gegangen.»Sechs Millionen Juden, das ist nicht gerade nichts«, sagte Avi an dem Tag zu Avishag, als er ihr das Auto schenkte.Seine Tochter war nicht sicher, was nicht nichts war.Sie starrte ihn an und hielt dann zum Schutz vor dem israelischen Sommer die Hand vor die Augen.»Zweitausend Schekel, das ist nicht gerade nichts«, sagte Avi.Das Auto hatte er von einer Überlebenden.Er sagte, »eine echte Schönheit«.Er sagte »aus Amerika«.Das Auto.Die Überlebende war aus Polen.Sie hatte die Nazis überlebt, aber als es um den Preis ging, hatte die Hure keine Chance gegen ihn.Avi war aus Libyen nach Israel gekommen.Er war es leid, vom Holocaust zu hören, weil er noch nicht mal in Europa gewesen war, nicht mal in der Türkei zu einem dieser »All-Inclusive«-Urlaube.Und die Europäer, die überlebt und es bis in dieses Land geschafft hatten, die hatten sein Leben ruiniert.Er erzählte Avishag, dass er in den Tagen nach der Armee nur dann hatte atmen können, wenn er mit dem Auto herumgefahren war.Er wollte, dass sie das erfuhr.Sechs Millionen Juden waren im Holocaust ermordet worden, und Avi hatte die Frau ausgenommen und den Preis des Autos um zweitausend Schekel unter den Marktpreis gedrückt.Avishag war nicht bereit gewesen, sich auf den Fahrersitz zu setzen.Als er das Auto gerade neu gekauft hatte, kam er oft vorbei und holte sie zu Fahrten ab.Wochen vergingen.Dann konnte er nicht mehr so oft kommen, weil er als Bauunternehmer beschäftigt war oder mit seiner neuen Frau und den neuen Jungs.Immer war irgendjemand krank; immer schaffte es einer der palästinensischen Bauarbeiter nicht zu seiner Schicht.Bis er mitten in der Nacht aufwachte.Bei dem Gedanken, er hätte aufgegeben, brach ihm Angstschweiß aus.»Lächel doch mal«, sagte er zu Avishag am Morgen ihrer zwanzigsten »Fahrstunde«.Es waren Monate vergangen, seit er ihr das Auto gekauft hatte.Avishag stand in ihren Männershorts auf dem Parkplatz vor dem Haus, in dem ihre Mutter wohnte, und blinzelte ihn an.»Das ist jetzt die Stelle, an der du lächeln musst«, sagte Avi.Er holte seine Zigaretten aus der Hosentasche der Jeans.Avishag presste das Kinn aufs Schlüsselbein und atmete tief aus.Als sie mit der Zunge an der Rückseite der Zähne entlangfuhr, schmeckte sie den Morgen [ Pobierz całość w formacie PDF ]