[ Pobierz całość w formacie PDF ]
.Sie nehmen Ihnen das Gefühl der alleinigen Betroffenheit.«Julia ließ sowohl die Krankmeldung als auch die Karte in ihrer Jackentasche verschwinden.»Gespräche können mir vielleicht Linderung verschaffen, aber sie können nicht ungeschehen machen, was passiert ist.«»Nichts auf der Welt kann das.Aber gerade deshalb ist es wichtig, dass Sie sich mit der Tat auseinandersetzen und lernen, mit ihr zu leben.Nur so können Sie deren Folgen bewältigen.« Sie reichte Julia die Hand.»Dafür wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen die nötige Kraft.«Um Viertel vor zwei stand Julia vor einem Supermarkt in Bergedorf.Ihr Vorrat an Lebensmitteln neigte sich dem Ende zu.Sie hatte nur noch Brötchen zum Aufbacken, ihr Kühlschrank war völlig leer.Sie musste einkaufen, auch wenn es sie eine ungeheure Überwindung kostete, den mit Menschen gefüllten Markt zu betreten.Sie war gezwungen, die notwendigen Alltagsangelegenheiten zu verrichten.Nicht nur heute.Auch morgen.Übermorgen.Und am Tag darauf.Es nieselte in den warmen Frühlingstag hinein.Im Park spazierte ein nur leicht bekleidetes Liebespaar eng umschlungen unter einem aufgeklappten Regenschirm.Ein Entenschwarm flog dicht über die Baumwipfel hinweg.Von einem angrenzenden Balkon war reges Geplapper hörbar.Julia saß am gekippten Küchenfenster, rauchte und bewunderte die schillernde Farbenpracht eines Regenbogens, der über dem Park zu schweben schien.Rot.Orange.Gelb.Grün.Blau.Violett.Nur zu schauen und nichts zu denken, tat gut.Die nächsten Tage bekamen einen eigenen, recht einförmigen Rhythmus.Julia verlor sich in ihrer Isolation, die von friedlosen Mittagsschläfen, einer andauernden Appetitlosigkeit und dem zwanghaften Trieb, mehrfach am Tag duschen zu müssen, geprägt wurde.Sie verließ ihre Wohnung nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ.Die einzigen Menschen, mit denen sie sprach, waren ihr Vater, dem sie am Telefon vormachte, es gehe ihr gut, und ihre Freundin Ingrid Pörmer, die anrief, weil sie in der Schule von Julias Krankheit erfahren hatte.Julia machte ihrer Freundin weis, ein hartnäckiges Virus setze ihr zu, woraufhin Ingrid ihre Hilfe anbot.Sie könne für sie einkaufen, wenn sich Julia zu schwach fühle.Julia lehnte dankend ab.Sie käme einigermaßen zurecht, meinte sie, und das war nicht einmal gelogen.Allerdings erledigte sie den größten Teil der Dinge mit einer für sie ungewöhnlichen Trägheit, die sie nur in Momenten überwand, in denen sie von Vorstellungen über die verlorenen Stunden und einer damit einhergehenden Wut überwältigt wurde.Dann begann sie, im Internet über betäubende Substanzen zu recherchieren.Dr.Bluhm hatte die Droge Liquid Ecstasy erwähnt, einen körpereigenen Wirkstoff mit der chemischen Bezeichnung Gamma-Hydroxybuttersäure, der im menschlichen Gehirn die Schlaf- und Wachzustände organisierte und synthetisch hergestellt werden konnte.Die Substanz vermochte widersprüchliche Wirkungen hervorzurufen: In geringen Dosen wirkte sie euphorisierend, in höheren Dosen betäubend, weshalb sie ursprünglich nur als Narkosemittel Verwendung fand, bevor sie Ende der Neunzigerjahre auch als Partydroge entdeckt wurde.Julia las weiter und erfuhr, dass GHB mittlerweile als Betäubungsmittel eingestuft worden war, während der Erwerb seiner chemischen Vorstufe Gamma-Butyrolactom, das sich im Körper zu GHB umwandelte und im Internet insbesondere als Lösungsmittel angeboten wurde, noch legal war.Beide Substanzen wurden häufig als K.-o.-Tropfen verwendet, um arglose Opfer auszurauben oder sexuell zu missbrauchen.GHB oder GBL – Julia bildete sich ein, die Bitterkeit dieser Abkürzungen auf der Zunge zu schmecken.Auch wenn das toxikologische Gutachten keine betäubenden Stoffe hatte nachweisen können, war sie davon überzeugt, dass ihr eine der beiden Drogen ins Getränk gemischt worden war.Ihre Überzeugung musste auch durch keine Haaranalyse mehr bewiesen werden.Sie seufzte und schaltete das Notebook aus.Dann stand sie auf und ging wie von unsichtbaren Seilen gezogen vom Wohnzimmer in den Flur.Unsicher betrachtete sie die Karte neben dem Telefon, wie sie es mindestens schon ein Dutzend Mal an diesem Tag getan hatte.Es war die Visitenkarte der Hamburger Beratungsstelle für Gewaltopfer.Sie hatte sie nicht zerrissen.Nicht weggeworfen.So wie sie das Top, die Cargohose, die Turnschuhe und ihre Unterhose weggeworfen hatte – die Wäsche, die sie am letzten Abend der Klassenfahrt getragen hatte.Die Karte hob sie auf.Nur für den Fall, dass sie das Alleinsein und das eigene Schweigen nicht mehr ertragen konnte.Die Tage waren schrecklich.Aber noch schrecklicher waren die Nächte, in denen sie von einander ähnelnden Albträumen heimgesucht wurde.Darin sah sie bedrohliche Gestalten in ihrer Nähe.Spürte tastende Finger auf ihrer Haut.Bei jedem Erwachen schwamm sie in ihrem eigenen Schweiß, mit schmerzhaften Bruchstücken des Traumes in ihrem Gedächtnis.Den unerträglichsten Traum erlebte sie am achten Tag nach der Vergewaltigung.Sie lag mit geschlossenen Augen auf einem schmalen Bett, entkleidet, mit angewinkelten und leicht gespreizten Beinen und dem untrüglichen Wissen, dass sie nicht an diesem Ort sein sollte.In dieser vom milchigen Licht der Abenddämmerung durchfluteten Kammer, deren einziges Fenster weit aufgerissen war.Ein kühler Luftzug streifte Julias Haut, eine kalte Hand, die sie streichelte.Irgendwo in der Nähe vernahm sie rasselnde Atemzüge, die eher von einem Tier als von einem Menschen zu stammen schienen.Sie schlug die Augen auf und sah Jakob Hensen, ihren beleibten Schüler, zwischen ihren Beinen stehen.Ihr erstes instinktives Verlangen war, die Schenkel zusammenzupressen und die Arme vor ihren entblößten Brüsten zu verschränken.Doch sie konnte sich nicht bewegen.Hitze schoss in ihre Wangen.Sie fühlte sich unendlich nackt, nackter als nackt, und bis aufs Äußerste erniedrigt.Zugleich kam ihr der Gedanke, einer fremden Macht ausgeliefert zu sein.Jakob grinste sie an, als nähme er ihre Empfindungen wahr.Nie zuvor hatte Julia ihren Schüler derart grinsen sehen, linkisch und mit Bosheit durchtrieben.Als er das Wort ergriff, verspürte sie eine Beklommenheit, die in ihr pulsierte wie eine frische Wunde.»Bereit für ein romantisches Schäferstündchen, Frau Lehrerin? Sie möchten es doch auch, nicht wahr?« Jakob holte ächzend Luft.Er tat so, als wartete er auf eine Antwort, und als diese ausblieb, zuckte er spöttisch die Achseln.»Sie hätten nur Nein sagen oder mit dem Kopf schütteln müssen und ich wäre gegangen.Ihr Schweigen werte ich jedoch als Zustimmung, Frau Kehrmüller.«Aber anstatt näher zu treten, blieb der Junge stehen und verblüffte Julia, indem er sich mit einer Leichtigkeit die Haut vom Gesicht zog, als wäre sie aus Gummi.Im nächsten Augenblick stand Fynn vor ihr, seine Lippen formten einen Kussmund, bevor auch er begann, sich die Haut vom Gesicht zu lösen, um Daniel Platz zu machen.Alle Schüler ihrer zehnten Klasse kamen an die Reihe.Simon, Ben, Lennart, Tobias, Felix, Dominik, Vincent und Sami.Es war Gabriel vorbehalten, das bizarre Treiben zu beenden.Er blieb länger als alle anderen Jungs vor ihr stehen und musterte sie mit einer Besonnenheit, die Julia noch weniger ertragen konnte als Jakobs Sarkasmus.»Wie schön du bist«, sagte er nach einiger Zeit und trat so dicht an sie heran, dass sie sehen konnte, wie er sich in den Schritt griff.Dann beugte er sich über sie, legte ein Knie auf die Matratze, zwischen ihre Schenkel.»Wie wäre es mit einem Kuss, Frau Kehrmüller? Einen Kuss, der uns in Stimmung bringt, bevor wir loslegen.« Er kicherte ihr ins Ohr.Sein Atem roch nach Pfefferminz.Ein Geruch, der Julia noch verfolgte, nachdem sie dem Traum schon längst wieder entflohen war.Minutenlang blieb sie steif und keuchend in der Dunkelheit liegen, vergebens darauf wartend, dass sich Erleichterung einstellte.Erleichterung, weil sie erwacht war und sich hier, in ihrer Wohnung, in Sicherheit befand.Vergebens deshalb, weil der Traum mit ihren schlimmsten Befürchtungen verschmolz [ Pobierz całość w formacie PDF ]