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.Hier, in diesem Gebäude, gibt es weniger Probleme.Sie musste niemanden töten.Sie musste am Donnerstag, als sie sich für das Gebäude entschieden hatte, lediglich eine Minute lang das Schloss am Hintereingang bearbeiten.Ein Kind mit einem Zahnstocher hätte das Ding knacken können.Sobald sie die Tür geöffnet hatte, schraubte sie mit einem Schraubenzieher das Schloss auf der Innenseite ab, damit man die Tür nicht mehr verriegeln konnte.Das war nötig.Hätte sie die Tür abgeschlossen und vor Raphaels Augen erneut geknackt, dann, so dachte sie, hätte er vielleicht zu viele Fragen gestellt.Es ist ein Wunder, dass sich die Büros hier nicht in Zwei-Sterne-Hotelzimmer für Obdachlose verwandelt haben.Außerdem ist sie überrascht, dass nichts geklaut und weiterverkauft wurde.Raphael öffnet den Koffer und fängt an, das Gewehr zusammenzubauen.Sie hat gemerkt, wie viel Spaß es ihm gemacht hat, damit zu schießen.Zu zeigen, dass er ihr Mann war.Sie war lediglich in der Lage, den Boden zu treffen.Zumindest hat sie so getan.Auf diese Weise wurde die Rollenverteilung zwischen ihnen weiter gefestigt.Er ist der Schütze – nicht sie.Sie ist die Sammlerin – nicht er.In ihrer Beziehung geht es ums Schießen und Sammeln, es handelt sich also um einen Zweipersonenplan.Daran gibt es nichts auszusetzen.Das Zielfernrohr schraubt Raphael nicht ans Gewehr.Stattdessen tritt er, es in beiden Händen haltend, ans Fenster.Er trägt ein Paar Latex-Handschuhe.Sie ebenfalls.Es gibt keinen Grund, überall ihre Fingerabdrücke zu hinterlassen.Die Polizeiuniform befindet sich immer noch in der Tasche.»Ich kann von hier alles überblicken«, sagt er.»Was ist mit dem Gerichtsgebäude? Wie sieht es aus?«, fragt sie, obwohl sie weiß, wie es aussieht.Das Büro liegt in direkter Blickachse zum Hintereingang des Gerichtsgebäudes.Man hat einen guten, unverstellten Blick auf den Parkplatz und die Türen des Gebäudes und auf den zehn Meter breiten Betonstreifen dazwischen.Auf einem zehn Meter breiten Streifen kann eine Menge passieren.Auf der Straße werden Tausende von Menschen unterwegs sein, doch auf dem Parkplatz werden sich nur ein paar Cops mit Joe aufhalten.Die Sache sollte also kein Problem sein.Die Menschenmenge wird ihnen nicht die Sicht versperren.Raphael muss nichts weiter tun, als Ruhe zu bewahren.Vor sechs Monaten bot sich einem von dem anderen Gebäude, das sie ausgesucht hatte, ein ganz anderer Blick.Vor sechs Monaten schaute man, egal von wo, auf einen einzigen Wirrwarr aus Kränen, Bulldozern und Bauarbeitern.»Alles ist so scharf«, sagt er.»Darf ich mal?«Er reicht ihr das Zielfernrohr.Es hat bessere Linsen als das Fernglas.Sie richtet ihren Blick auf das Gerichtsgebäude, dann lässt sie ihn die Straße rauf- und runterwandern, wo am Montag reger Verkehr herrschen wird.Das Gericht ist ein einstöckiges Gebäude.Von ihrem erhöhten Blickwinkel im dritten Stock des Bürokomplexes aus kann sie über das Dach des Gerichtsgebäudes hinweg tiefer in die Stadt hineinschauen.Das Gerichtsgebäude nimmt einen ganzen Block ein, und der Hintereingang liegt genau in der Mitte.Sie kann die Straßen sehen, die in sämtliche Richtungen führen, und stadtein- und -auswärts verlaufen parallel zwei Hauptstraßen – die eine links, die andere rechts am Gericht vorbei.Am Montag werden so viele Demonstranten hier sein, dass man einige der Straßen sperren wird.Ideale Bedingungen.Im Moment sind sie fast leer.An einem Samstagabend mitten im Winter in einem Stadtteil mit Bürokomplexen und einem Gerichtsgebäude, wo man nirgends Alkohol bekommt – warum sollte da irgendwer unterwegs sein?»Da«, sagt sie und gibt ihm das Fernrohr zurück.Er legt sich auf den Boden und hält das Fernrohr vor sich.Ein geeigneter, erhöhter Standpunkt.Von dem aus man mühelos einen freien Blick auf den Parkplatz hat.Nicht zu hoch, um sich wegen des Windes, der zwischen den Gebäuden pfeift, Sorgen machen zu müssen.Aber auch nicht zu hoch, um sich nicht schnell genug aus dem Staub machen zu können.Das, worüber sie sich am meisten Sorgen machen müssen, ist das Wetter.Es darf kein strahlender Sonnenschein sein, aber bei schlechtem Wetter funktioniert ihr Plan genauso wenig.Es darf nicht in Strömen gießen, und es darf keine Windböen geben.Das Problem mit dem Wetter in Christchurch ist, dass es sich genauso gut voraussagen lässt wie der Ausgang eines Pferderennens.Man setzt zwar auf den Favoriten, aber jeder hat eine Chance.»Ich werde mich nicht hinlegen können«, sagt er.»Denn dann müsste ich durchs Fenster schießen.Es lässt sich nur von der Hüfte aufwärts öffnen.«Sie wirft einen Blick auf ihre Uhr.Es ist zehn vor sechs.Um Punkt sechs wird der Transporter am Hintereingang des Gerichtsgebäudes vorfahren.Sie weiß das, weil es in der Routenbeschreibung stand, die sie von Schroder geklaut hat.Außerdem kennt sie auch die Lösung für Raphaels Problem.Sie ist ihr eingefallen, als sie am Donnerstag hier war.»Hilf mir mal«, sagt sie und geht zu den Farbdosen rüber, wo eine große, akkurat zu einem Quadrat gefaltete Abdeckplane aus Leinen liegt.Sie breiten sie auseinander und tragen sie zum Fenster rüber.»Was soll das werden?«»Wir hängen sie auf«, sagt sie und greift nach dem Klebeband in ihrer Tasche.Raphael scheint zu begreifen, und gemeinsam reißen sie Klebebandstreifen ab, und ein paar Minuten später werden sie durch einen Vorhang von der Straße abgeschirmt.Der Raum, der bereits dunkel war, ist jetzt stockfinster, doch mit der Taschenlampenfunktion an ihrem Handy sorgt Melissa für Licht.Dann nimmt sie ein Messer und schneidet vor einem der Fenster, die sich öffnen lassen, ein Rechteck aus der Abdeckplane, ein Loch nicht viel größer als ihr Kopf.»Da soll ich durchschießen?«, fragt Raphael.»Und zwar im Liegen«, sagt sie.»Von der Straße aus kann man nicht das Geringste sehen.«»Aber wo soll ich mich drauflegen?«, fragt er, und sie dreht sich zu den Sägeböcken mit dem Holzbrett um.Damit hat er seine Antwort.Sie ziehen die provisorische Plattform an die richtige Stelle.Er legt sich auf das Brett und schiebt sich in Position, sodass er durch die Abdeckplane nach draußen blicken kann.»Versuch’s mal«, sagt sie, dann befestigt sie das Fernrohr am Gewehr und reicht es ihm.Er rutscht auf dem Brett etwas weiter hinauf.Dann hält er sich das Zielfernrohr ans Auge und drückt das Gewehr gegen seine Schulter.»Das ist gut«, sagt er.»Du kannst also von da den Schuss abfeuern?«Er grinst zu ihr hoch.»Wenn das Fenster offen ist, ja.«»Aber du darfst es nicht öffnen, wenn du die Uniform trägst«, sagt sie.»Erst später.«»Ich weiß«, sagt er.Sie wirft einen Blick auf ihre Uhr.»Es ist fast so weit«, sagt sie.Raphael hält die Stellung.Melissa tritt an den Rand ihres provisorischen Vorhangs, schaltet das Licht von ihrem Handy aus und zieht ihn zur Seite.Überall in der Stadt brennen Straßenlaternen und Gebäudebeleuchtungen, Kunst- und Neonlicht, mehr als genug, um alles deutlich zu erkennen.Die beiden wechseln keine weiteren Worte mehr.Sondern warten schweigend ab [ Pobierz całość w formacie PDF ]