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.Eine leichte Brise wehte vom Wasser und brachte den Geruch von Algen und Fisch mit sich.Sie hörte ein ungewohntes Geräusch und hob den Kopf: Auf einem Ast ganz in ihrer Nähe saß ein schwarzer Vogel, der ein auffälliges weißes Federbüschel am Hals trug – fast wie den Knoten einer kunstvoll gebundenen Krawatte.Er zwitscherte, piepste und krächzte mit so viel Inbrunst, dass Lina lächeln musste.Heute hatten sie den zweiten September.Das entsprach hier – Lina zählte sechs Monate zurück – dem zweiten März.Frühlingsanfang also.Hier, auf der anderen Seite der Erdkugel, waren auch die Jahreszeiten umgedreht.Im Frühling waren sie von Deutschland aus aufgebrochen und im Frühling waren sie in Neuseeland angekommen.Fast, als hätte es die lange Reise gar nicht gegeben.Immer mehr Passagiere brachen nun auf.Lina zog sich den feuchten Schuh wieder an und erhob sich.»Ich denke, wir sollten auch – Rieke?«Ihre Schwester war verschwunden.Die Angst schoss heiß durch Linas Adern.Wo war sie? Wenn ihr etwas zugestoßen war …?Ihre Sorge war unbegründet: Einer der Auswanderer hatte ihre Schwester die Straße entlanglaufen sehen, dem kleinen Flüsschen nach, das zwischen den Häusern verschwand.Na, die konnte was erleben! Wütend nahm Lina ihre Reisetasche auf und marschierte in die angegebene Richtung.Immer musste man auf Rieke aufpassen! Sie konnte doch nicht einfach fortgehen.Vor allem nicht hier, in diesem fremden Land.Lina passierte einen kleinen Friedhof, auf dem bereits einige Grabsteine standen.Am gegenüberliegenden Ufer sah sie zwei Siedler, die dabei waren, auf einer abgesteckten Parzelle den dichten Farn zu roden, der hier überall wuchs.Neben ihnen türmte sich bereits ein gewaltiger Haufen der grünen Wedel.Sie fand ihre Schwester in einer umzäunten Fläche, einem Garten ähnlich, in dem hohes Gras wucherte.Die kleine Tür in dem Zaun aus geflochtenen Zweigen stand offen.Nahe am Zaun wuchsen etliche niedrige Himbeerbüsche.Schon jetzt zeigten sich dort die ersten weißen Blüten zwischen den feinen, haarähnlichen Stacheln.Rieke winkte, als sie Lina sah.In ihren Händen hielt sie einen Kranz aus bunten Frühlingsblumen.»Für dich!« Mit beiden Händen setzte sie Lina den zarten Kranz auf den Kopf.»Jetzt siehst du aus wie eine Prinzessin.Und ich bin auch eine Prinzessin.Los, du musst mich fangen!« Rieke breitete die Arme aus und lief los.Lina vergaß, dass sie Rieke eigentlich zurechtweisen wollte, ließ die Tasche ins hohe Gras sinken, raffte ihren langen Rock und rannte ihr hinterher.Sie übersah, dass unter ihren Schritten kleine Sträucher umknickten.Es tat so gut, wieder einmal zu rennen, sich die Beine zu vertreten und ausgelassen zu lachen.Jauchzend drehte sie sich um ihre eigene Achse und wollte dann weiterlaufen, als sie gegen etwas prallte.Oder gegen jemanden.Erschrocken und schwer atmend blieb sie stehen.Vor ihr stand ein junger Mann, noch keine zwanzig Jahre alt, der ziemlich wütend aussah.Er sagte etwas, das sich anhörte wie watarjuduinghir.Lina hatte auf der Skjold zwar Englisch gepaukt, aber in diesem Moment war alles weg.Außerdem hörte es sich ganz anders an als alles, was sie gelernt hatte.»What?«, fragte sie hilflos.Der junge Mann trug ein Hemd mit offenem Kragen und eine gestreifte Weste, und sein halblanges, dunkelblondes Haar war länger, als es in Deutschland Mode war.Eigentlich sah er ziemlich gut aus – allerdings blickte er sie noch immer mit einem dermaßen finsteren Ausdruck an, dass ihr angst und bange wurde.»Good afternoon«, sagte sie das erste Beste, was ihr einfiel.Guten Tag.»Sir«, setzte sie noch hintendran.»… we … I … come from …« Ach, es war zum Verzweifeln.Sie brachte nicht ein richtiges englisches Wort heraus.»Rieke!« Sie drehte sich zu ihrer Schwester um, die jetzt auch näher kam.»Was heißt ›Wir sind gerade erst angekommen‹ auf Englisch?«Rieke hob nur die Schultern und starrte den jungen Mann an.»Sie kommen aus Deutschland?« Akzentfrei wechselte dieser ins Deutsche.Lina seufzte erleichtert auf.»Ja, wir sind gerade gelandet.Mit der Skjold.« Sie deutete in Richtung Hafen.Etwas baumelte in ihrem Blickfeld; sie trug ja noch immer den albernen Blumenkranz auf dem Kopf! Hastig zog sie ihn sich aus den Haaren.»Karolina Salzmann.Und das ist meine Schwester Rieke.«Die Miene des Mannes wurde kaum freundlicher.»Nun, Karolina Salzmann, ich denke, auch in Deutschland ist privates Eigentum geschützt.Diese Plantage gehört meinem Vater.Können Sie nicht sehen, wo Sie hintreten? Diese kleinen Setzlinge sind Apfelbäume, die wir erst im letzten Jahr gepflanzt haben, und jetzt sind etliche davon niedergetrampelt!«Lina blickte betreten um sich.Jetzt erst sah sie, dass hinter den Setzlingen viele kleine Apfelbäume wuchsen, die aufrecht wie Soldaten an einem Spalier standen.Dahinter erstreckten sich mehrere Reihen größerer, frei stehender Obstbäume.Äpfel, aber auch Birnen.Noch trug keiner von ihnen Blüten, aber an den schlanken Zweigen waren bereits die ersten Knospen zu sehen.Der junge Mann war in die Hocke gegangen und machte sich nun daran, einen abgeknickten Setzling, der in dem wuchernden Gras fast verschwand, wieder aufzurichten.»Das wusste ich nicht.Es … es tut mir leid!« Lina war feuerrot geworden [ Pobierz całość w formacie PDF ]